Digitales Lernen: Welche Technologie ist sinnvoll?

Die Digitalisierung bietet genügend Tech­no­logien, die eine individu­alisierte und effek­tive Lern­kul­tur un­ter­stützen. Dann können Mitarbeiter verschiedene Inhalte individuell abrufen und nach Bedarf am Arbeitsplatz nutzen.

Eine Technologie, die nur Pauschalangebote verwaltet und sich mit der Überwachung von Durchklickraten beschäftigt, wird in diesem Schema bestenfalls zu einer administrativen Komponente. Relevant für Lernprozesse sind völlig andere Funktionen und Komponenten.

LERNTECHNOLOGIEN RICHTIG BEWERTEN

Technik ohne Strategie führt zu keinen Resultaten. Das bedeutet zweierlei: (1) Bietet die Technik eine Funktion, der keine Strategie zugeordnet werden kann, so ist diese Funktion und die damit evaluierte Technik womöglich überflüssig. (2) Wenn man eine Funktion zur Erreichung einer Strategie nicht nutzen kann, dann sollte man diese Technologie ebenfalls womöglich ignorieren.

Digitales Lernen

Eine der wichtigsten Anforderungen an eine Lerntechnologie ergibt sich aus unserer Prämisse: berufliches Lernen unterscheidet sich nicht vom „sonstigen“ Lernen im Alltag. Technik muß Lernen immer so unterstützen, wie Lernen jeweils gerade stattfindet – als Kombination aus formalem, sozialem und informellem Lernen zusammen mit Möglichkeiten zur praktischen Anwendung.

Die Ausprägung dieser Kombination bestimmt der Lernende.

Lernen aus der Sicht von LMS-Systemen

Die im Lernumfeld häufig eingesetzten LMS-Systeme (Learning Management System) administrieren Mitarbeiter, verteilen diese auf dazugehörige Kurse und beobachten ansonsten, ob diese Angebote ohne Abbruch durchgeklickt wurden und ob mögliche Testfragen korrekt beantwortet sind[1].

LMS-Systeme sind darum häufig mit HR- / ERP-Anwendungen vernetzt. Die Lernorientierung von LMS-Systemen ist weniger entwickelt – die Systeme sind nur selten am tatsächlichen Bedarf der Mitarbeiter ausgerichtet.

Die notwendige Anmeldung und der administrative Rahmen sorgen dafür, daß Lernen nicht als Kontinuum gesehen wird, sondern als eine von der Arbeit getrennte Tätigkeit. Inhalte können nicht flexibel auf Lernende zugeschnitten werden. LMS-Systeme sind am formalen Lernen ausgerichtet und können informelles Lernen weder organisieren noch verfolgen oder auswertbar darstellen.

LMS-Systeme bedienen eine Lernwelt, die ein Auslaufmodell ist.

Wer digitales Lernen ermöglichen will, hat folgende Themen und Funktionen auf dem Schirm:[2]

  • Modernes Interface für positive Lernerfahrungen
  • Zertifizierungen zum Beleg von formalen Anforderungen
  • Mobiles Lernen als neue Lernform
  • Reporting- und Analysefunktionen
  • Lerninhalte für Partner oder Kunden
  • Personalisierungen / Anpassung von Lerninhalten
  • Unterstützung von anderen Lernformen
  • Mehrsprachigkeit
  • Kompatibilität und Integration in andere Systeme

Diese Punkte entsprechen Szenarien, wie sie in Organisationen in unterschiedlicher Gewichtung vorkommen.

Der digitalisierte Alltag erweitert diese Anforderungen um zusätzliche Themen, Methoden und Medien[3]:

  • Interaktive Videos bieten neue Lernerlebnisse und -möglichkeiten
  • Rollenspiele sind ebenfalls mit Videos möglich: Trainer / Teamleiter stellen eine Aufgabe, die per Videobotschaft gelöst wird
  • Microlearning zerlegt Inhalte in kurze Lerneinheiten, die je nach Ziel und Voraussetzung kombiniert und verkettet werden
  • Learning Hubs agieren als Anlaufstelle für verschiedene Themen. Je nach Thema werden verschiedene Hubs genutzt

Damit steht die Frage im Raum, wie man mit neuen Trends und neuen Technologien umgehen will, die sich nach der Entscheidung für einen bestimmten Anbieter ergeben.

LMS-Systeme sind schon heute keine sinnvolle Technologie, wenn es um Management von Lernen geht. Die o.a. typische Themenliste geht bei genauerer Analyse über die Möglich­keiten eines LMS hinaus.

Im immer weiteren Umfeld von verschiedenen Endgeräten wie Tablets oder Smartphones wird ein vor Jahren als sinnvoll ausgewähltes System zu einem Bremsklotz für moderne digitale Lernstrategien.

Die Lücken der LMS-Systeme sind sogar schon im normalen Alltag der überkommenden Lernkonzepte störend. Diese Erfahrung scheint allgemein von LMS-Anwendern geteilt zu werden. Studien und Befragungen heben immer wieder heraus, daß LMS-Systeme eine der Softwarekategorien mit den unzufriedensten Anwendern sind[4]– nur 46% der Anwender sind mit ihrem LMS-System halbwegs zufrieden.

Lerntechnologie als Standardsoftware?

LMS-Systeme unterstützen nur einen Ausschnitt von betrieblichem Lernen, sie können somit bestenfalls einen Baustein bilden[5]– das gilt insbesondere bei einer Änderung der Lernstrategie und ganz besonders, wenn individuelles Lernen unterstützt werden soll.

Neben diesen didaktischen und strategischen Überlegungen führen LMS-Systeme auch im operativen Tagesgeschäft zu Einschränkungen.

LMS-Systeme sind als Standardsystem konzipiert. Diese bieten auch bei einem modularen Aufbau für ihre gesamten Komponenten immer Standardfunktionen an.

Damit entsteht die Frage, ob Standardsysteme überhaupt die eigenen Zielsetzungen unterstützen können und ob eine Investition in eine Standardsoftware sinnvoll sein kann.

Das Innovationstempo und die mit ihm verbundenen Halbwertszeiten machen Standardsoftware besonders dann zu einem Risiko, wenn die Anwendung in einem besonders innovativen oder volatilen Umfeld eingesetzt wird.

Für CRM oder ERP nutzt man Standardsysteme – in der Regel aber werden diese Systeme umfangreich angepaßt: mindestens mit Prozessanpassungen und mit spezifischen Interfaces und Funktionen. Ist Lernen im Unterschied zu diesen Bereichen etwas, wo man eine Software unverändert quasi aus der Kiste heraus installieren kann und ist Lernen ein ähnlich „ruhiger“ Bereich wie die Welt der Datenbanken?

Wohl kaum! Gerade im Lernumfeld haben sich in den letzten Jahren immer wieder scheinbar stabile Standards geändert oder es sind neue Techniken aufgetaucht, die in das Konzept einer Standardlösung nicht eingeflossen sind bzw. die vom deren Anbieter gar nicht, spät oder unzureichend berücksichtigt wurden.[6]

Lerntechnologie für digitales Lernen im Umfeld von Performance Support muß sehr viel bieten – damit entfernt man sich von traditionellen Systemen, die als Standardsoftware angeboten werden.

Strategiewechsel: von Kursen zu Ressourcen

Der Wechsel auf digitales Lernen kann pragmatisch in kleinen Schritten erfolgen. Eine am ersten Tag vollständig implementierte neue Technologie ist nicht erforderlich. Digitales Lernen als persönliches Lernen kann etwa so umgesetzt werden:

  • Zunächst könnten Lernende Informationen und Ressourcen nach ihrem eigenen Bedarf nutzen. Die abrufbaren Angebote sind verschieden. Sie unterscheiden sich nach Umfang, Komplexität, Darstellung usw.
  • Für neue Themen (und auch für neue Mitarbeiter) können Lernpfade vorgeschlagen werden, die alle Themen zusammenstellen.
  • Lernpfade oder empfohlene Inhalte können auch im Zusammenhang mit Pflichtthemen angeboten werden. Für bestimmte Aufgaben müssen Nachweise erbracht werden usw.
  • Die Personalisierung geht einen Schritt weiter, wenn Empfehlungen differenziert werden. Angebote können auf Themen, Aufgabenprofile (Skillsets) und sogar auf einzelne Mitarbeiter zugeschnitten werden. Wer im Unternehmen den Bereich wechselt, bringt für seine neue Aufgabe unterschiedliche Erfahrungen mit. Das gilt aber auch für neue Mitarbeiter, die z.B. aus derselben Branche kommen.
  • Zuletzt könnten Vorschläge und Empfehlungen angeboten werden, die auf den Gewohnheiten der Anwender basieren. Hierfür werden Gewohnheiten analysiert und zur Basis von Einschätzungen und Prognosen.

Wenn der Weg zum selbstgesteuerten digitalen Lernen konsequent unterstützt werden soll, dann genügen zunächst möglicherweise wenige Funktionen mit überschaubaren Modulen.

Fazit: eine flexible und modulare Lösung kann Anforderungen zum Lernen besser und präziser unterstützen. Je nach Schwerpunkt und Abfolge des Strategiewechsels können alle weiteren benötigen Anforderungen gezielt mit optimaler Technologie umgesetzt werden. Damit hält man sich auch Optionen offen, etwa zur Nutzung neuester Medien usw.

Vom Einheitsbrei zum modularen Ökosystem

Gehen wir einen Schritt weiter und betrachten Lerntechnologien als ein Ökosystem, das digitales Lernen möglichst umfassend unterstützt dafür die jeweils bestmöglichen Technologien einbindet. Die eingesetzte und immer zu ergänzende Technologie deckt eine immer breitere Spanne der Strategie ab und wächst damit sozusagen immer mit.[7]

Vor Entscheidung für eine Technologie müssen jedoch die Lernstrategie und weitere Anforderungen geklärt werden.[8]Dazu gehören:

  • Die Ziele der Organisation – sie legen fest, worum es bei der Performance geht, was erreicht werden soll und was kurz-, mittel- und langfristig relevant ist.
  • Die Zielgruppe sollte identifiziert werden: geht es um eine einzige Abteilung oder um verschiedene Anwenderbereiche mit völlig unterschiedlichen Themen. Welche Entwicklungen werden erwartet?
  • Wie arbeiten die Mitarbeiter, in welchem Umfeld wird gelernt bzw. in welchem Kontext werden Hilfen erwartet. Die angestrebte Technologie sorgt dafür, daß Lernen nun an den Arbeitsplatz gebracht wird. Welche Informationsflüsse gibt es hier, welche Tools werden wo und wie eingesetzt.
  • Wo sind Defizite, welche Lücken müssen zuerst geschlossen werden? Gibt es irgendwelche taktisch vorzuziehenden Themen, müssen Beschränkungen überwunden werden, die durch die Nutzung der LMS-Systeme entstanden waren?
  • Welche Aufgaben werden von den Fortbildungsteams übernommen? Wer liefert noch Content? Die Fortbildung legt nicht fest, wie Lernen am Arbeitsplatz erfolgt und sie muß sich mit anderen Teams wie HR, der IT oder den Fachabteilungen abstimmen.
  • Wo liegen die Daten und Inhalte, die für Lernprozesse benötigt werden? Ist alles Teil der intern genutzten Anwendungen, liegen die Informationen und Medien im Zugriff der Aus- und Weiterbildung oder müssen verschiedene externe Quellen einbezogen werden?
  • Welche Technologie wird momentan genutzt? Was genau wird von einem möglicherweise implementierten LMS-System abgedeckt, wie verhält sich dieses System zum Zielbild, welche Bedeutung werden andere Lernformen bekommen?
  • Wählen Sie die Technologie, die für die nächsten Schritte geeignet ist? Dabei geht es nicht um den sofortigen Ersatz der vorhandenen Technologie, sondern um den Blick nach vorn mit der Frage, wie die neuen Ziele nach und nach erreicht werden. Je nach Zielgruppe, Aufgaben und spezifischer Situation können dann sehr differenzierte Lösungen entstehen.
  • Integrieren Sie die neue Technologie in die Lernumgebung und erweitern Sie dadurch kontinuierlich die Lernerfahrungen der Mitarbeiter.

Mit einem so entstehenden Ökosystem von priorisierten Anwendungen im Lernumfeld können dann alle geplanten Schritte nacheinander umgesetzt werden. Bei neuen Themen oder Technologien kann wieder die Strategie zur Bewertung herangezogen werden. Auch die Strategie kann dabei angepaßt werden.

So kann gezielt und passend Technologien auswählen und nutzen. Die so entstehende Lösung kann dann auch die Flexibilität bieten, die in der Aus- und Weiterbildung erforderlich ist.

DAS PERIODENSYSTEM DER LERNPORTALE

Portale[9]als Teil eines Ökosystems regeln die Beziehung zwischen Lernenden und Lerninhalten. Die Funktionen eines Portals können wichtigen strategischen Anforderungen zugeordnet werden.

Betrachtet man Lernen als Kontinuum zwischen formalem und informellem Lernen, so müssen Inhalte ständig neu zugeschnitten werden, um dem Bedarf der Lerner stets zu entsprechen.

Portale erweitern auch die Aufgaben der Trainer bzw. der Ausbildungsabteilungen: deren Aufgaben bestehen nicht nur in der einmaligen Bereitstellung von formalisierten Trainings, sondern in der Bereitstellung einer Art Reise durch Inhalte.

Anwender – die Lernenden – können Informationen gezielt und zugeschnitten abrufen, so daß sie jederzeit und überall bedarfsgerechte Hilfe und Informationen erhalten. Dies wird möglich, weil mit passenden Funktionen Lerninhalte (redaktionell und didaktisch) passend aufbereitet und zusammengestellt werden.

Die folgende Abbildung stellt Themen und Funktionen zusammen, die ein Lernportal abdecken sollte.

Lernportale unterstützen eine Aus- und Weiterbildung, die die Unternehmensstrategie mit den Interessen, Wünschen und Motivationen der Mitarbeiter verbindet. Um dieses Ziel zu erreichen, sind zahlreiche Funktionen und Komponenten erforderlich, die sich zu Themenbereichen gruppieren lassen.

Je nach Strategie sind die Abläufe und Schwerpunkte in jedem Unternehmen verschieden. Unsere Darstellung hat den Vorteil, daß man immer das Gesamtbild vor Augen hat und somit den vollständigen Nutzen eines Lernportals. Die Darstellung beschäftigt sich nicht mit konkreten inhaltlichen Umsetzungen von Lerninhalten oder mit Checklisten usw.

Eine ausführliche Darstellung der einzelnen Komponenten finden Sie in unserem Whitepaper.[10]

Im Periodensystem der Lernportale laufen alle Komponenten zusammen, die für digitales Lernen relevant sind. Die Elemente müssen im Rahmen einer auf das Unternehmen passenden Strategie orchestriert und umgesetzt werden, damit digitales Lernen sinnvoll ermöglicht wird.

Alle Komponenten machen im Zusammenspiel immer wieder deutlich, daß Lernen nicht automatisch abläuft.

Lernen ist eine komplexe Managementaufgabe.

Frank Otto – i-CEM

[1]Es gibt ungefähr 600 Systeme, die sich als LMS bezeichnen – eine Übersicht finden Sie hier. Eine weitere Webseite mit einer Übersicht zu LMS hier. Eine Aufstellung zu cloudbasierten Angeboten finden Sie hier. Eine typische Aufstellung mit einer formalen Darstellung von Anforderungen finden Sie z.B. bei diesem Anbieter. Anbieter bieten Kriterien zur Evaluierung, z.B. hierrunterladen. Blogs zur Auswahl von LMS gibt es u.a. hierund  hier

[2]Hierfinden Sie eine weitere Aufstellung sowie weitere Kriterien in diesem Blog

[3]Vgl. diesen Artikel

[4]Adobe etwa stellt auf der Grundlage dieser Untersuchungen weiterführende Überlegungen an – vgl. hier.

[5]Rosenberg, vgl. hier

[6]Flash war einer dieser Felsen. Neue Medien, ein verändertes Nutzerverhalten mit neuen Erwartungen zu Zugriff und Nutzungszeiten sind nur einige der Herausforderungen. Wie man im CRM-Bereich beobachten kann, haben Standardanwendungen offenbar immer nur eine mittelfristige „Lebenserwartung“.

[7]PDF dazu hier. Dt. Input hier. Aber nicht alles wird am Markt bestehen – bei digitalem Lernen wird es um Anwendungen gehen, sich in vorhandene Umgebungen einpassen und verschiedene Lernarten unterstützen – vgl. World Economic Forum hier

[8]Input zu den Auswirkungen der Digitalisierunghier, weiterer Input von degreedund ein Aufsatz dazu bei Learning Solutions. Wer ein LMS beibehalten will (oder muß), sollte auch dieses System mit diesen Fragen kritisch bewerten.

[9]Die benötigten Funktionen werden als Portal deutlich besser dargestellt – Quelle

[10]Dieser Beitragbasiert auf unserem Whitepaper „Lerntechnik für Strategen“. Wenn Sie mehr erfahren wollen, dann können Sie das Dokument hierherunterladen – dort finden Sie auch die hier genutzten Literaturhinweise.

The following two tabs change content below.
Frank Otto

Frank Otto

…baute zahlreiche Vertriebs- und Customer Service-Abteilungen auf. Er begleitet den Aufbau von neuen Märkten, den Ausbau von Absatzwegen und -medien und er steuert in verantwortlicher Position Phasen des Strategiewechsels. Er kennt und beherrscht die entsprechenden Technologien. Die umfangreichen Erfahrungen und Kenntnisse der entscheidenden „weichen“ Themen stehen im Mittelpunkt seiner Projekte mit Schwerpunkt in der Qualifizierung zur Steuerung von Kundenerfahrungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.