Der digitale Konsument am Arbeitsplatz

Mitarbeiter sind vernetzte Verbraucher – und die nutzen digitale Geräte wie Tablets oder Smartphones, die sie immer in Reichweite haben.

Moderne Verbraucher recherchieren, stellen Fragen, lesen Online-Dokumente oder schauen sich Videos an, sie führen Chats und vernetzen sich mit Ihren Freunden und Bekannten bzw. mit der Familie. Man ist immer und überall online und vernetzt.

Das hat den Alltag schon lange verändert.

Über Generationen hatte man zu Aktivitäten oder geplanten Vorhaben keine Informationen zur Verfügung und dementsprechend keinerlei oder wenig Handhabe, um in Prozesse eingreifen zu können. Für alles brauchte man Fachleute, Experten, Dienstleister und Anlaufstellen. Bestellungen und Buchungen, Reparaturen, Reisen und Reklamationen oder überhaupt „Wissen“ – nur sehr wenige Dinge jenseits der eigenen Ausbildung konnte man selber abwickeln.

Das ist inzwischen anders: „Die Merkmale der Digitalisierung lassen sich anhand von drei Schlagworten skizzieren: Digitale Informationen und Werkzeuge sind, auch durch mobile Geräte, ubiquitärverfügbar, sie durchdringen pervasivalle Funktionsbereiche der Gesellschaft und sind zunehmend (als eingebettete Systeme) unsichtbar.“[1]

„Information at your Fingertips“ – die Vision von 1995[2]ist Realität und mit ihrer Umsetzung haben sich unsere Möglichkeiten und Erwartungen geändert bzw. wir haben uns daran gewöhnt.

Diese Erfahrungen und die damit verbundenen Erwartungen überträgt man an den Arbeitsplatz. Jede andere Annahme wäre eine Realitätsverweigerung.

Darum muß man sich Im betrieblichen Lernen mit dem Gedanken anfreunden, daß die eigenen Mitarbeiter schon lange mehr können und wollen, als ihnen die zuständigen Abteilungen zuzutrauen scheinen.

Auch wenn sich vermutlich nur wenige Mitarbeiter als selbstbestimmte Lernende einschätzen, so ist dies trotzdem die exakte Beschreibung von Lernen: zur Lösung von Problemen benötigt man nicht mehr zuerst einen Experten oder einen VHS-Kurs. Die Lösung findet sich über Google. Informationen werden ganz selbstverständlich und jederzeit online beschafft.

Diese Erfahrung ist zudem generationenübergreifend: jeder nutzt Smartphones oder Computer und besucht Webseiten, die das Klickverhalten oder vorherige Käufe für neue Angebote nutzen.

Auch Lernapps setzen auf den eigenen Kenntnissen und der Lerngeschichte auf. Kein Wunder, daß wir entsprechende Erwartungen an den Arbeitsplatz haben. Die Digitalisierung ist nicht exklusiv auf Millennials beschränkt bzw. umgekehrt ist keine Altersgruppe ausgeschlossen.

Die digitale Welt: Fakten und Mythen

Die Bildungsdiskussion im Umfeld von „Digitalisierung“ ist technikfixiert, da die meisten „Beiträge“ Technologie und IT-Beratung verkaufen wollen. Das wird dann gerne mit gesellschaftlichen Themen verbrämt.

Die Fachseite bewegt sich auf weniger dünnem Eis und betrachtet das Thema differenzierter und ohne Alarmismus.

Bereits die immer wieder versuchte Trennung von analog und digital verkennt, daß das Digitale sich im Analogen verschränkt. Bildung verhält sich zu einer Welt, die schon sehr lange durch digitale Technik geprägt ist. Damit rücken aber ganz andere Fragen in den Vordergrund, über die eine gesellschaftliche Verständigung anzustreben ist.[3]Es geht nicht um digital oder analog. Das Digitale hat sich schon lange hinreichend durchgesetzt.

Digitale Kompetenzen zielen darauf ab, digitale Angebote und Systeme reflektiert zu nutzen. Die Funktionen und Eigenarten dieser Systeme (vom Fahrscheinautomaten über die digitale Haussteuerung hin zu digitalen Medien usw.) sind nicht immer direkt wahrnehmbar. Digitale Kompetenz bedeutet also, daß man digitale Informationsverarbeitung verstehen und bewerten kann.[4]

Und im Zusammenhang mit betrieblicher Aus- und Weiterbildung geht es um die zusätzliche Frage, ob „digital“ in der Bildung überhaupt wirkt.

Digitales Lernen ist schwer von analogem Lernen abzugrenzen. Digital ist sehr oft nur die Form der Auslieferung und auch diese ist ein schwammiger Begriff. Haben wir ein digitales Lernprodukt, wenn Teilnehmer mit dem Dozenten über WhatsApp chatten, wenn eine URL an die Tafel geschrieben wird oder wenn eine Präsentation online abgerufen werden kann?

Diese Beispiele gibt es in der Praxis – aber sie sind nicht geeignet, Bildungsangebote entlang der zweifelhaften Dichotomie „analog vs. digital“ zu klassifizieren.

Digitale Medien sind übrigens per se auch nicht wirksamer als andere Methoden – diese Annahme ist nicht[5]belegt. Im Gegenteil – sie sind erstaunlich wirkungsarm. Der Einsatz digitaler Medien führt auch nicht automatisch zu mehr Motivation oder mehr Selbststeuerung und -verantwortung der Lernenden.

Ein Grund: erlernte und zementierte Abläufe bzw. soziale Handlungspraxen werden oft unverändert beibehalten und nur mit neuer Technik garniert. Solange sich aus Sicht der Lernenden die Dinge nicht erkennbar in Richtung einer neuen Lernkultur bewegen, gibt es keinen Grund zur Änderung von eingespielten Mustern.

Der Nutzen von digitalem Lernen liegt im Potential: man könnte Lehr- und Lernprozesse anders gestalten und organisieren. Dieses Potential verweist aber auf die Verantwortung aller Beteiligten, sich zusammenzusetzen und entsprechend zu organisieren.

Lernen in der digitalen Welt

Digitale Lernkonzepte können:

  • Die Selbststeuerung beim Lernen fördern
  • Kooperative Szenarien fördern
  • Lernangebote flexibel organisieren und die Vielfalt der Lernenden unterstützen
  • Lernangebote können handlungs- und problemorientierter werden durch authentischere Materialien
  • Lernprozesse können interaktiv gestaltet werden
  • Mit Simulationen oder AR- / VR-Angeboten können realistische Aufgabenstellungen gelöst werden

Echtes Digitales Lernen erschließt Lernziele wie Problemlösungsverhalten, Lerntransfer, Selbstlernkompetenz und es erweitert die Teamfähigkeit.[6]Diese Skills sind übrigens eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsprojekten.

Er­folg­reich wird man erst sein, wenn digitales Lernen auf zielführenden Strategien basiert und eine moderne Lernkultur schafft. Es ist nicht damit getan, Inhalte einfach nur elektronisch anzubieten:[7]

  • Tools ermöglichen den sofortigen und unkomplizierten Zugriff auf die Inhalte, die der Mitarbeiter benötigt
  • Der Lernende entscheidet über Zeit, Ort und Umfang von Lernen
  • Die Lernzeiten sind erwünscht

Digitales Lernen im Unternehmen muß endlich mit Alltagslernen gleichziehen. Der digitale Konsument am Arbeitsplatz braucht dieselben Ressourcen und Nutzungsmöglichkeiten, über die er im Alltag schon lange verfügt.

Dieser Beitrag beleuchtet einen Aspekt unseres Whitepapers „Lerntechnik für Strategen“. Wenn Sie mehr erfahren wollen, dann können Sie das Dokument hier herunterladen.

Mehr zum Thema erfahren Sie auch am Dienstag, 14. August 2018, 15:00 – 15:45 im Webinar

Digitales Lernen im Unternehmen: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts“im Webinar

[1]Michael Kerres in einem Blog.

[2]Es war auf der Comdex. Digitalisierung kam weder disruptiv noch über Nacht.

[3]Weiterführende Überlegungen dazu z.B. von Michael Kerres findenSiehier. oder als Manifest zu Bildung 4.0 hier

[4]Viele Ausführungen zur Digitalisierung lassen manchmal Zweifel aufkommen, ob deren Verfasser dieses Kriterium erfüllen..

[5]Wissenschaftlich belegt ist das durch Studien und durch Metastudien seit 1980 – der Einsatz digitaler Medien führt per se zu keiner besonderen Verbesserung. Hinweishier

[6]Der jährliche Report zu den Human Capital Trends hebt immer wieder deutlich heraus, welche Skills bei der Digitalisierung relevant sind – zu finden als Webseite hierund eine PDF online hier

[7]Dies relativiert oft die Rolle von sog. „eLearning-Experten“ – die Konvertierung und der Upload von Medien in irgendein System hat eher wenig mit digitalem Lernen zu tun.

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Frank Otto

Frank Otto

…baute zahlreiche Vertriebs- und Customer Service-Abteilungen auf. Er begleitet den Aufbau von neuen Märkten, den Ausbau von Absatzwegen und -medien und er steuert in verantwortlicher Position Phasen des Strategiewechsels. Er kennt und beherrscht die entsprechenden Technologien. Die umfangreichen Erfahrungen und Kenntnisse der entscheidenden „weichen“ Themen stehen im Mittelpunkt seiner Projekte mit Schwerpunkt in der Qualifizierung zur Steuerung von Kundenerfahrungen.

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